Marianische Männerkongregation

Freising

Donnerstag, 04. September 2014

Predigt Darstellung des Herrn

geschrieben von 

Liebe Schwestern und Brüder, brauchen wir nicht alle dieses Glück in unserer Gesellschaft?! Denn eine demographische Binsenweisheit könnte uns traurig machen, die Erkenntnis, dass der Anteil alter Menschen bei uns beständig zunimmt. Wir sind eine alternde Gesellschaft geworden. Das könnte jetzt leicht wie ein Vorwurf klingen oder wie eine Klage oder gar Anklage.

Wir alle wollen leben, wir möchten gesund und glücklich sein. Aber wann ist das Leben wirklich gut? Das wahre Leben geschieht in der Begegnung zwischen Menschen. Auch die jungen Eltern begegnen ihrem Kind in einer ganz neuen Dimension. Das Kind gehört ganz zu ihnen, ist ganz fest mit ihnen verbunden, ist ein Teil von ihnen, von ihrem Leben. Und doch ist es ein selbständiges Wesen und gibt von sich aus viel Freude zurück.

Die Eltern werden es hinein vermitteln in das große Ganze, in das ewige Leben mit Gott durch die Taufe - hinein in das ewige Leben - eine Gabe von Geist, und es in Beziehung bringen, die uns unendlich überragt und unseren ganzen Glauben fordert. –

Die Eltern Jesu tun eigentlich nichts anderes. Vierzig Tage nach der Geburt eines Kindes haben sie den erstgeborenen Sohn zum Tempel gebracht, um ihn Gott zu weihen. Das Gesetz Jahwes schreibt es in einem der fünf Bücher Mose vor, in Levitikus. Vierzig Tage nach Weihnachten erfüllen die Eltern Jesu nicht nur eine religiöse Pflicht. Sie bringen auch zum Ausdruck: Dieses Kind gehört uns nicht allein. Es gehört zuerst und eigentlich Gott. Es ist'ein Geschenk an die Eltern. Und mit dem Opfer, mit dem Löse-Opfer, das sie darbringen, lösen sie dieses Geschenk für sich aus, sozusagen als Leihgabe für eine bestimmte Zeit, bis das Kind älter geworden ist, und sie es hergeben müssen, damit es sein eigenes Leben führen kann, aber nicht fern von Gott, sondern als mündiges Teil des Volkes Gottes.

So haben es alle jüdischen Eltern gehalten. So praktizieren es auch Josef und Maria und weisen sich damit als fromme Juden aus. Soweit erzählt das Evangelium zunächst nichts Besonderes, sondern etwas, was in Jerusalem tagtäglich vorkommt.

Der Ev. Lukas erzählt uns aber diese Geschichte, um uns zu zeigen, wer dieses Kind wirklich ist. Und jetzt kommen die Alten ins Spiel, Menschen, die ihre beste Zeit schon hinter sich haben, die beiden frommen Leute Simeon und Hanna. Es sind Menschen, die mit Gott vertraut sind und mit ihm gelebt haben. Aus diesem Grund sehen sie tiefer und erkennen mehr. Ja, die Erfahrung und Weisheit des Alters!

Für sie endet das Leben nicht in einem Jammern und Klagen über eine Überalterung der Gesellschaft. Sie halten die Hoffnung nicht nur wach, sie sehen ihre Hoffnung erfüllt. Der greise Simeon und die hoch betagte Hanna sind zwei prophetische Gestalten auf der Schwelle zwischen dem Alten und dem Neuen Testament. Sie haben sehnsüchtig auf den verheißenen Messias gewartet, haben noch nicht abgeschlossen;

sie haben sich nicht zurückgezogen und haben das Wünschen nicht verlernt. Die Zeit hat ihre Sehkraft nicht getrübt, sondern die Augen geöffnet und geschärft für das Wesentliche undWichtige.

Sie sind immer noch bereit, dass er kommt. Jetzt erkennen sie im Tempel das kleine Kind Jesus als das Ziel ihres Lebens und begrüßen es voll Freude. So spielen diese beiden Alten eine Hauptrolle in dem Fest der Freude und der erfüllten Sehnsucht.

Liebe Sodalen,

Gott sucht sich Menschen aus, die er braucht, um Wesentliches zu sagen und zu zeigen. Es sind Männer und Frauen, Johannes der Täufer, Josef, Elisabeth, Maria, Simeon, Hanna usw.! In der Heilsgeschichte Gottes geht es nicht um eine Emanzipation, um ein selbstbezogenes Streben des Menschen nach mehr. Denn Gott selber emanzipiert den Menschen, er hebt ihn heraus, um mit ihm etwas ganz Wichtiges zu tun.

Paul Weismantel hat aufgeschlüsselt, was Simeon und Hanna für uns bedeuten können. Angelehnt daran möchte ich formulieren:

• Simeon und Hanna, diese gottesfürchtigen Menschen, führen uns zum Tempel, zum Haus des Herrn, zur Kirche. Dort dürfen auch wir unser Leben an Gott anbinden und heiligen und wir dürfen Gott suchen und können ihn finden.

> Wir werden über die soziale Verbundenheit miteinander hinaus gehoben in die Gemeinschaft mit Gott. Väter, Mütter, Opas, Omas, werdet nicht müde, Eure Kinder und Jugendlichen zum Tempel des Herrn, zur Kirche mitzunehmen. Wenn sie nicht mitgehen wollen, wenn sie sich sträuben, nehmt sie im Geist mit. Es ist viel mehr als eine Unterlassungssünde, Kinder und Jugendliche in der Meinung zu belassen, Kirche sei etwas von vorgestern, sei nicht mehr gefragt oder sei nutzlos. Leben und Glauben aus erster Hand braucht vor allem Euer gelebtes Beispiel. Das ist durch nichts zu ersetzen!

• Simeon und Hanna, diese frommen Menschen, zeigen uns eine vergessene Tugend, die Tugend der Hoffnung, des geduldigen Wartens und des beständigen Betens.

• Beständigkeit und Geduld haben es nicht leicht. Einsatz und Treue kosten Kraft, vor allem gegen Widerstände, aber sie lohnen sich auf Dauer. Vor allem die Widerstände in uns selber hindern uns daran, regelmäßig, täglich Gott genügend Zeit einzuräumen. Eine geistliche Struktur hilft dazu, damit Gebet nicht zur Last, sondern erfüllend wird, z.B. im Morgen- und Abendgebet, Tischgebet und im Engel des Herrn.

• Simeon und Hanna sind die glücklichen Menschen. An ihnen können wir ablesen, dass es sich lohnt, die Sehnsucht ein Leben lang wach zu halten und alles von Gott zu erwarten.

• In einer materiell gut gestellten Welt sind wir übersättigt und brauchen oft Gott nicht mehr. Aber fragen Sie sich, was Sie den Kindern oder Enkeln noch schenken können, zu Weihnachten, zum Geburtstag, zur Erstkommunion, als Firmling? Wir dürfen das Wissen weitergeben, dass die ganz wichtigen Dinge im Leben nicht selbst zu machen sind, unverfügbar von dem herkommen, der uns das Leben in die Hand gegeben hat. Es ist immer noch pädagogisch richtig zu sagen, das hat der liebe Gott gemacht!

• Simeon und Hanna sind die rechten Menschen im rechten Augenblick. Sie mahnen uns, in einer hektischen und schnelllebigen Zeit aufmerksam u geistesgegenwärtig, achtsam und ehrlich mit Gott und den Menschen zu leben.

• Nur wer sich Zeit nimmt, kann wirklich achtsam umgehen mit dem, was um einen herum geschieht. Die Hektischen sind in großer Gefahr, zu vieles zu zertreten und zu zerstören, oder gar

„über Leichen zu gehen". Menschliches Leben braucht Zeit zum Wachsen und braucht auch die Zeit zum Ableben.

Hier kommt die Lebensfrage in zwei Richtungen ins Spiel: Was ist, wenn Kinder die Lebensplanung stören, was wird, wenn die Alten der Zeitplanung im Wege stehen? Verfolgen sie aufmerksam die aktuelle Diskussion! Gott sei Dank melden sich auch Bischöfe zu Wort, die deutlich vor weiteren Dammbrüchen in der Frage der aktiven Sterbehilfe warnen.

> Auch religiöses geistliches Leben braucht Zeit, um sich zu entfalten und zu wachsen. Es geht nicht gut zusammen mit ständiger Flatterhaftigkeit und oberflächlicher Zerstreuung. Wir haben als Kirche echte Alternativen zu bieten, wir bieten Zeiten und Räume der Ruhe und Stille, die für den immer kränker werdenden Menschen heilsam wirken. Laden wir sie ein, erschließen wir die Heilkraft der Kirche neu. Wir haben die Kultur der Fest- und Fasttage. Wir brauchen keinen Vegi-day!

• Simeon und Hanna sind die demütigen Menschen. Sie lehren uns die gläubige Erkenntnis, dass wir in diesem Kind dem Heil der Welt, der Rettung der Menschen und dem lebendigen Gott begegnen.

> Darstellung des Herrn ist ein weihnachtliches Fest außerhalb des Weihnachtsfestkreises. Erinnern wir uns daran, wie voll die Kirchen an Weihnachten sind! Ich habe den Eindruck, viele junge Eltern gehen nur der Kinder wegen zur Christmette, ja, wenigstens ihren Kindern zuliebe. Wenn doch vielen die Augen aufgehen würden, dass wir dieses Kind das ganze Jahr über brauchen, ja ein Leben lang und für die Ewigkeit brauchen, so wie wir unsere Kinder brauchen für die Zukunft auf dieser Erde.

•​Simeon und Hanna sind alt geworden und doch jung geblieben. Von ihnen dürfen wir lernen, wo im Wirrwarr unserer Zeit die echten Freuden zu finden sind und die bleibenden Schätze.

> Zu den bleibenden Schätzen gehören die Kinder. Sie sind ein Geschenk Gottes und nicht einfach machbar. Der Glaube an die Macht der Wissenschaft hat den Bereich der Fortpflanzung massiv erfasst. Der Wunsch nach gesunden und schönen Kindern und einer gesunden Gesellschaft scheint technisch erfüllbar zu sein; aber bestimmte Versuche dahin gehen auf Kosten anderer. Die Gefahr der Aussonderung der Ungesunden und nicht lebenswerten Embryonen ist nicht mehr nur fiktiv, sie ist leider Wirklichkeit geworden. Und zu dem ganzen TohuWabohu in der Fortpflanzung dürfen wir als Christen nicht schweigen.

Die echten Freuden sind die, die man sich nicht selber nehmen kann, sondern die man sich gegenseitig gibt. Tiefere Freude kommt auch aus einer durchgestandenen schweren Situation. Kreuz und Leiden können wir nicht ganz eliminieren, sie haben einen tieferen Sinn. Selbst Josef und Maria bleiben davon nicht verschont. Ausdrücklich sagt der greise Simeon zu Maria: Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen.

Mit dem Blick auf Simeon und Hanna erkennen wir unsere Rolle und unseren Auftrag. als Männer und Frauen, wie Josef, Simeon neben den großen Frauen Maria - und Hanna. Allen ist gemeinsam, sie sind aufmerksam und offen, achtsam und bereit, sie lassen sich einbauen in einen größeren Plan.

Im Blick auf Josef und Maria erkennen wir den Wert dieser Ehe. Das Kind, der Sohn Gottes gibt dieser Familie einen einzigartigen Wert.

Wenn wir auf unsere Familien schauen, scheint ein Kulturkampf um die Familie in vollem Gang zu sein. Zitat „Christ in der Gegenwart":

Johannes Röser vergleicht die Entwicklung des Menschen mit der der Primaten und kommt zu dem Schluss: „Ein Produkt dieser Entwicklung ist die Erfindung der auf lebenslange Dauer angelegten Einehe. Trotz aller Turbulenzen und Schwächen hat sie sich in den allermeisten Kulturen durchgesetzt, nicht nur in der Theorie. Sie bleibt krisenfähig, aber es gibt nichts Besseres und nichts Gleichwertiges. Sie bewährt sich trotz der menschlichen Schwächen und Triebstruktur immer noch als günstigste, angemessenste Institution für ein partnerschafltichverbindliches Liebesverhalten, für die Stabilität von Familien zum Wohl des Nachwuchses, für gesellschaftlich-staatlich soziale Verantwortung in Reproduktion, Erziehung, Generationenvertrag. Ehe und Familie sorgen wie keine andere Institution für das Wohl des individuellen Gemeinschaftswesens Mensch.

Die Ehe steht trotzdem unter Rechtfertigungsdruck wie noch nie....

Lasst Euch in dem derzeitigen Kulturkampf rund um Ehe und Familie Eure Aufgabe und Verantwortung in der Erziehung und in der religiösen Erziehung nicht aus der Hand nehmen! Die Eltern sind die ersten Lehrer und Vorbilder ihrer Kinder und damit die Ur-Vorbilder für eine Geisteskultur. Und wo Eltern den Kindern das vorenthalten, gibt es eine Verantwortung der Großeltern. Beten wir darum, dass unsere Geisteskultur eine christlich geprägte bleibt.

Es geht um das Kind. Kinder haben uns etwas voraus. Sie tragen ein Stück Himmel in unsere Welt.

Das Kind Jesus hat alles voraus. Es trägt den ganzen Himmel in sich und bringt ihn in unsere Welt. - Amen.

Mehr in dieser Kategorie: Der Advent, eine Zeit des Wartens »